Man kann Matthew Bellamy vieles vorwerfen: dass er zu verkopft ist, bestimmte Sounds immer wieder durchnudelt oder Pathos in großen Mengen zum Frühstück futtert. Doch eins ist sicher: Der Muse-Chef ist nicht nur irrwitzig kreativ, er hat auch einen Heidenspaß an Musik. Wie ein kleines Kind will er am liebsten jedes vorhandene Spielzeug gleichzeitig nutzen und hat es inzwischen zur Meisterschaft darin gebracht, Unmengen von Klängen, Rhythmen, Emotionen und Stilen in einem Album zusammenzuwursten. Klingt gruselig, ist aber eine sehr unterhaltsame Sache. Dann zum Beispiel, wenn aus komplexen und intellektuellen Klanggebilden plötzlich ein Abba-Zitat hervorpiekt oder Backgroundchöre alte Queen-Zeiten wiederbeleben. Bei allem Zitieren und Frickeln haben Muse aber nicht vergessen, worauf es ankommt. Und so finden sich auch auf dem vierten Studioalbum der Briten jede Menge bezwingende Refrains, tanzbare Beats und Pophymnen.
Bombast-Rock vom Feinsten. Kein einziger schwacher Song.
Mit "Panic Prevention" wurde Jamie T 2007 von jetzt auf gleich zum neuen Indiestar gehypt, musikalisch irgendwo zwischen Joe Strummer and The Streets angesiedelt. Die Großartigkeit des Debüt speiste sich nicht unbeträchlich aus seiner Ungeschliffenheit. Oft verpufft der Charme eines solchen Lo-Fi-DYI-Sounds mit der zweiten Platte, doch der heute 23-Jährige beherrscht die Unbeherrschtheit perfekt, mit der er sich durch Melodien und Texte holpert. Natürlich hilft auch der geschickt gewählte Soundclash seiner Stücke: Pop mag das Ergebnis sein, gemixt wird Jamie Ts Version aber zu großen Teilen aus HipHop und Blues - Stile, die genügend Dreck am Stecken haben, um auch unter gelegentlichen elektronischen Beigaben nie geleckt zu klingen.
Wie sein Debüt ein großer Wurf, der nicht nach groß klingt, aber großartig ist.
Weltuntergangsstimmung, Gitarren und große Gefühle: Dieses Schema kennt man von Acts wie Placebo, aber nicht von deutschen Bands. Bisher. Denn Everlaunch aus der Nähe von Bremen haben ebenfalls keine Angst vor Pathos und lassen ihren Emotionen freien Lauf. Songs wie "Run, run, run" mit überbordenden Gitarren und Mitsingrefrain sind durchaus auf Effekt bedacht, aber eine gewisse Fragilität, die sie sich bei Bands wie Nada Surf abgehört haben, verleiht den Stücken Bodenhaftung. Sänger Thorsten meistert die stimmlichen Achterbahnfahrten souverän; für ein Debüt klingt das alles sehr ausgereift. Everlaunch sind ja auch keine Anfänger mehr: Durch Eigeninitative und ohne Plattenvertrag schafften sie es dieses Jahr schon bis ins Vorprogramm von Oasis. Man kann sich die Musik der vier Jungs auch durchaus auf großen Bühnen vorstellen. Zumindest füllen sie die Fußspapfen ihrer Vorbilder mit Rockgassenhauern wie "Seesaw" oder "Picturefreak" und der Beinahballade "Gravity" schon super aus.
Großartiges Songwriting, eine dicke und clevere Produktion und eine liebevolles Artwork lassen den Musikliebhaber innig schmunzeln, wenn er die CD nach stundenlangem Hören zurück ins Regal neben Oasis, Placebo, Blackmail und Coldplay stellt, um sie am nächsten Tag gleich wieder rauszuholen.
Richtig was reißen konnte die Lieblingsband von Oasis bei uns bisher nicht. Vielleicht ändert sich das mit dem dritten Kasabian-Album, denn das Quartett aus Leicester hat sich diesmal sehr breit aufgestellt: Bei "Fast Fuse" mischen sie Surfpop mit Garagenelektro, "Vlad the Impaler" könnte auch von The Prodigy sein, "West Ryder Silver Bullett" lässt TripHop wieder aufleben, und der Überhit "Where did all the Love go" klingt, als wäre den Gorillaz ein Streichersensemble in die Hände gefallen. Kasabian tarnen die Vielfalt als Konzeptalbum: Das West Ryder Pauper Lunatic Asylum war Großbritanniens erste psychiatrische Klinik für Arme, und jeder Song blickt in den Kopf eines anderen Patienten. Sollten wie beim Vorgänger "Empire" wieder mehr als eine Million Plattenkäufer den Trip mitmachen, sind hoffentlich auch die deutschen Fans zahlreicher dabei. Größenwahn und Nölgesang (von Tom Meighan) dürften dank Oasis auch hierzulande eigentlich niemanden mehr schrecken.
Der Albumtitel ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn Laurent Garnier bedient sich auf seinem fünften Studiowerk "stehlsicher" bei zahlreichen Stilen. So begegnen sich Techno und Dubstep an der Schnittstelle zum Beatboxrap, den der Franzose MicFlow sehr gelungen auf "Freeverse Part 1" beisteuert. Drum & Bass oder Modern Funk gehören aber genauso zum Repertoire und werden mit Elektrofrickeleien gekreuzt. Bei so viel Freude am Mixen von Genres gerät selbst ein Giles Peterson in Verzückung und feiert standesgemäß zur Funkhymne "No Music" ab. Auch die Clubnummern kommen also - bei aller Experimentierfreude, die hier und da über die Stränge schlägt - nicht zu kurz. Mit "Back to my Roots" im "Technodiziak Roots Mix" oder "Gnanmankoudji" schichtet Garnier Tribal Beats, Trompeten und Bass auf ein Technobrett - und beweist, dass er nach wie vor in Topform ist.
Vor 15 Jahren beschränkten sich Green Day auf gefühlte drei Akkorde und sahen aus, als würden sie jede Nacht zuviel Dope rauchen und in ihren Klamotten schlafen. Erfolg hatten sie damals schon, doch inzwischen beherrschen die Punkrocker auch die Klaviatur des Songwriting mit Bravour. 2004 schafften sie es mit dem fulminanten Konzeptalbum "American Idiot" gleich in mehreren Ländern an die Spitze der Charts. Und dann? Das dürfte sich Mastermind und Sänger Billie Joe Armstrong auch gefragt haben. Vielleicht klingt "21st Century Breakdown" deshalb ein wenig unentschlossen, weder nach dem Punk der frühen Alben noch nach der großen Geste des Vorgängers. Dass ein bisschen Hin- und Hergerissensein nicht schlecht sein muss, beweist das Trio aus Kalifornien aber schon beim Titelsong: Der geht gemütlich los, schaukelt sich eine Weile mehrstimmig ein, um sich dann zu energetischem Punk mit druckvoller Melodie hochzuschrauben. Im weiteren Verlauf: langsam geschrubbte Songs, schnell gedroschene Punkstücke, blueslastige Akkustikperlen. Und dazwischen ein Billie Joe Armstrong, der seine Falsettstimme ausprobiert. Konzept? Eher nicht. Aber der Beweis, dass Green Day die Zeiten einengender Kategorien hinter sich gelassen haben.
Man muss es sich schon noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Vor 14 Jahren verschwand Richey Edwards, Gitarrist und Enfant Terrible der Manic Street Preachers, spurlos. Kein Hinweis, nix. Alle angeblichen Sichtungen auf Lanzarote und sonstwo haben sich nie bestätigt. Nun, eine halbe Popewigkeit später, folgt tatsächlich ein Album, das ausschließlich auf Texten von Edwards basiert.
Die Manics nehmen uns mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1994, die für echte Fans nicht ohne Tränen abgehen dürfte. Zurück nämlich zum Referenzalbum der Band, wie es so schön heißt. Gemeint ist natürlich "The Holy Bible", diese so düstere wie tolle Platte, dem letzten Werk, an dem Richey beteiligt war, bevor er sich, Gott weiß, wohin, verabschiedete.
Schon das wunderbare Cover, ein Bild der britischen Malerin Jenny Saville, lässt Erinnerungen hochkochen. Damals stellte Saville der Band ein Triptychon mit beleibter Frau zur Verfügung. Diesmal ziert das Cover ein geschlechtlich nicht klar zuzuordnendes Menschenwesen mit offensichtlich blutverschmiertem Gesicht. Die Assoziation, es könnte sich dabei um Richey in jungen Jahren handeln, ist so abwegig nicht.
Auch das rohe Sounddesign erinnert an 1994. Einen Großteil sollen die Waliser gar live und analog eingespielt haben, ohne digitalen Schnickschnack. Schöne Songs hält die Scheibe parat: Vom rockigen "Peeled Apples" bis zum tollen "This Joke Sport Severed". Sportlich geht's auch bei "Pretension/Repulsion" zu, das gar ein wenig an die frühen Offspring gemahnt. Erstaunlich, diese Energie. Vor allem wenn man den traurigen Background des Albums bedenkt.
An die größten Manics-Songs freilich, etwa "The Everlasting" vom '98er-Album "This Is My Truth Tell Me Yours" oder "Motorcycle Emptiness" vom Debüt werden die Herren Wire und Bradfield wohl nie mehr heran reichen. Those were the days, und die lassen sich auch durch Richeys Texte nicht zurückholen. Ein zweites "The Holy Bible" ist den Walisern nicht gelungen. Und doch lässt einen diese Scheibe auch musikalisch nicht kalt.
Toll, das von Nicky Wire eingesungene "William's Last Words", bei dem der Bassist tatsächlich wie der kleine Bruder von Lou Reed klingt. Die Texte übrigens sind so kryptisch, wie man das von Richey Edwards gewohnt war. Selbst Native Speakers dürfte die Exegese schwer von der Hand gehen. "The Levi Jean has always been stronger than the uzi, a dwarf takes his cockerel out of the cockfight". Wie meinen?
Kaum weniger bescheiden die Songtitel: "Jackie Collins Existential Question Time", "Virginia State Epileptic Colony" oder auch "She Bathed Herself In A Bath Of Bleach". Letzterer der Track, der der Band zufolge am stärksten nach Nirvana riecht. Überhaupt Nirvana: Nicht nur, dass man fürs Album Produzent Steve Albini engagierte. Die Platte hält tatsächlich die ein oder andere "In Utero"-Reminiszenz bereit. Auch darüber hätte sich Richey, der als großer Cobain-Verehrer galt, sicher gefreut.
Ja, doch: Das mittlerweile neunte Album der Manics lebt vor allem von der Nostalgie, dem Erinnern, der Melancholie. Und natürlich der Trauer über einen großen Verlust. Ein Verlust, den nicht nur die Manic Street Preachers nie wirklich haben kompensieren können. Nein, auch der Popwelt insgesamt ging 1995 ein großes Talent verloren. Man sollte diese Platte als Verbeugung sehen. Eine tiefe und höchst würdevolle Verbeugung vor Richard James Edwards.
Sieg in drei Sätzen: Nachdem die Elektrospielereien von Franz Ferdinand zu oft in Langeweile versandeten und die Kaiser Chiefs sich beim Schlechterwerden ständig wiederholten, erspielen sich Max-mo Park mit dem dritten Album endgültig die Krone der letzten großen Britbandwelle. Das Quintett aus Newcastle besinnt sich auf seine Stärken und hüllt erneut unwiderstehliche Popsongs in hektischen Wavepunk. Sie experimentieren nur bei den Sounddetails, wenn sie etwa mit dem roboterhaften Beat "Let's get clinical" einen Funkflirt wagen. Mehr Innovationen haben sie dank ihrer Songwriterfähigkeien auch gar nicht nötig, zumal sie auch lyrisch punkten. Während die Konkurrenz auf Ironie und Saufparolen setzt, kontert Sänger Paul Smith mit nachdenklicher, oft düsterer Aufrichtigkeit. Aber wer Hooklines wie die der Single "The Kids are sick again" zu bieten hat, kann sogar schonungslose Generationsporträs zeichnen, ohne in Hoffnungslosigkeit zu versinken: "The kids are sick again, nothing to look forward to, they jump the cliff again, future sinks beneath the blue."
Eigentlich also eine ganz tolle CD ! Aber mal ehrlich, hätten sich die Herren nicht mehr Mühe mit der Covergestaltung machen können !?
Wow - was für eine positive Überraschung! THE HORRORS waren schon mit ihrem Debüt-Album "Strange House" anders als alles, was zurzeit aus Großbritannien kommt. "Psychotic Punkrocksongs For Freaks & Weirdos" stand 2007 passenderweise als Slogan auf dem Cover des garagenrockigen Erstlingswerks, das sich irgendwo zwischen THE CRAMPS und den RAMONES bewegte. Was die vier Londoner allerdings auf ihrem zweiten Album zelebrieren, hätte wohl niemand in der Form erwartet. "Primary Colours" assimiliert Einflüsse des Psychedelic- und Kraut-Rock der 70er und verbindet sie mit dem Post Punk- und Gitarren-Wave-Sound der frühen 80er. Hier und da lässt sich auch die "Low"-Phase von DAVID BOWIE oder die großen Zeiten von Bands wie NEU! heraushören. Heraus kommt etwas ganz eigenes. Düster, atmosphärisch, energetisch, einfach besonders. Was als Beschreibung vielleicht wie ein wirrer, schwer verdaulicher Mix anmutet, klingt in der Praxis allerdings zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und packend, da die Band absolut songorientiert arbeitet und sich nicht in experimentellen Songstrukturen verliert. Ein wirklich tolles Album einer beachtlich gereiften Formation, dessen angenehm ungeschliffene Produktion den Ausnahmestatus von "Primary Colours" eindrucksvoll unterstreicht.
Mit der Sonnenbrille im Gesicht und einer ausgeprägten Scheißegal -Mentalität im Angesicht der Krise trinken wir tanzend Champagner auf den Trümmern der alten Weltordnung! Die Berliner Band DIN [A] Tod fängt auf ihrem neuen Album perfekt das Lebensgefühl am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends ein... Westwerk verbindet den Spirit der frühen Achtzigerjahre mit dem sympathisch-schrägen Electroclash-Sound der Hauptstadt zu einer vielseitigen No-Future-Pop-Musik mit Club-Appeal. Die mutige Fusion aus reduzierten Elektronik-Sounds mit treibenden Gitarren- und Bass-Linien und einem Hauch unterkühlter Reserviertheit klingt noch satter, kompakter und runder als auf dem mit reichlich Lorbeeren bedachten Debütalbum der Band. Westwerk steht für bis auf die Knochen reduzierte Hits, welche das kühle Düster-Flair der Sisters Of Mercy mit den minimalistischen Grooves von Bands wie Joy Division oder New Order und einem satten, elektronischen Beat-Fundament paaren. Das Wechselspiel zwischen Sven Claussens dunklem, nihilistischen Sprechgesang und Claudia Fasolds schnippischen Girlie-Charme verleiht den Songs dabei einen ganz besonderen Reiz. Auf Westwerk perfektioniert die Band ihre Vision eines modernen Post-Punk-Sounds, in den sich auch eine Cover-Version der frühen Joy-Division-Hymne Warsaw nahtlos einreiht. DIN [A] Tod spielen den abgeklärten Sound einer kalten, anonymisierten Großstadt, wie er eigentlich nur aus Berlin kommen kann... und treffen damit genau den Nerv der Zeit!